Herr Lange, Sie befassen sich bei Multiplicities mit "sozioökonomischen Transformationsprozessen des kreativen Wissenszeitalters und machen sie für Politik, Wirtschaft und kreative Szenen handhabbar". Was heißt das auf Deutsch?

Wir bieten planungsvorbereitende Leistungen im Bereich Stadtentwicklung. Wenn eine Stadt sich heutzutage entscheidet, ein Gelände neu zu bebauen, dann geschieht das zum Glück nicht mehr so wie vor 30 Jahren, dass da ein Generalunternehmer kommt und die Fläche einfach mit Einzelhandel oder billigem Wohnraum vollknallt. Die Stadtverantwortlichen möchten dieses Gelände mit interessanten Akteuren, die sie gerne in der Stadt haben, besiedeln. Dazu gehören etwa Kreative, aber auch Supplier und Versorger für Kreative, oder interessante Gastronomie, oder Öffentliche Kulturangebote. Man muss hier sehr kleinteilig planen, weil die Beteiligten eher kleine und auch günstige Räume brauchen. Ein Wirtschaftsförderer steht also vor der Frage, wie er sich mit einer Vielzahl von Kleinstunternehmern verständigt. Das ist ein Vielfaches an Meinungen und Wünschen und Mitsprachemöglichkeiten, weil diese Leute sich nicht so einfach instrumentalisieren lassen: Sie haben Ansprüche, sie wollen Mitgestalten, sie wollen, dass mit ihrem Viertel etwas Besonderes passiert.

Und wo kommen Sie ins Spiel?

Wir reden mit allen Beteiligten, suchen geeignete Partner, sind Vermittler, sammeln Ideen und Wünsche. Heutzutage muss ganz anders Stadtentwicklung betrieben werden. Man kann das nicht in einer Topdown-Feldherren-Pose machen. Um Lebendigkeit in einem Stadtviertel zu sichern, braucht es ein enormes Moment an Mitmachkultur, es braucht einen wachsenden Planungsprozess, der sich immer wieder an flexible Anforderungen anpassen lässt, und dafür treten wir ein. Wir versuchen aufzuschlüsseln, warum Unterschiedlichkeit kein Malus ist, sondern ein Mehrwert, weil es sich auf längere Sicht positiv für die Renditeerwartungen und die qualitative Raumnutzung auswirkt.

Kleiner günstiger Raum klingt aber eher nach dem armen Poet, und wenig Rendite, warum sind Kreative so interessant für eine Stadt?

Eine Mischung aus Kleinunternehmern, insbesondere auch Kreativen, stellt Differenz her, und Differenz ist gut für eine Stadt. Wenn sie junge interessante Leute aus bestimmten kulturellen Szenen anlocken wollen, die für etwas Besonderes stehen, die eine andere Wertentscheidung treffen, als nur Geld zu verdienen, müssen sie die Stadtentwicklung aus einem anderen Blickwinkel betreiben als dem der kurzfristigen Rendite. Diese Akteursgruppen leisten Differenz zu Starbucks, H&M und McDonald's - zu großen Ketten, Modelabels, zu standardisierten Produkten. Wenn sie in die Frankfurter Zeil gehen, ist das kein Unterschied zur Fußgängerzone in Hamburg und Berlin. Individuelle Konzepte schaffen hingegen Differenz und Aufmerksamkeit, das ist ein enormes Gut, mit dem man Stadtentwicklung betreiben muss, sonst werden Städte langweilig, haben keine Identität mehr.

Zahlt sich das für Städte auch aus? Starbucks, H&M und McDonald's sind immerhin gut zahlende Mieter...

Wenn Städte im Besitz einer Fläche sind, können sie es an den Meistbietenden verscheuern oder sich um ein gutes Konzept kümmern. Konzeptvergabe heißt aber, dass nicht der Meistbietende gewinnt, sondern dass man auf eine gute Idee setzt, die nicht sofort gute Rendite abwirft. Ja, das hat erstmal eine niedrigere Renditeerwartung, aber auf längere Sicht ist es nachhaltiger, weil die Mieter selber zu Mitgestaltern werden und die Fläche somit eine Identität bekommt, einen symbolischen Mehrwert, der sich auf längere Sicht auszahlen wird. Durch eine nach und nach wachsende Mischung aus Gastronomie, Aufführungsorten, Proberäumen, Galerien, Büros, Wohnungen bringe ich sehr viel mehr Personen in einen kleinteiligen Raum und habe dadurch einen öffentlichen und belebten Raum. Ich erzeuge Kundenbeziehungen, es kommen Leute zum Konsumieren und um andere Leute zu treffen und sofort habe ich Lebendigkeit. Das hat längerfristig auf einer städtischen Ebene positive Effekte: Dazu zählen das Sicherheitsgefühl in der Stadt, Heterogenität, Lebendigkeit, Atmosphäre. Das alles sind Qualitäten, die man mit Stadt verbindet, nicht nur Rendite und Bodenwert. Wir alle wollen doch in einer anderen Art Stadt leben und nicht in einer 0815-Stadt, wo wir am Ende nicht mehr wissen, welcher Eingang auf den nächsten 500 Metern der zu meinem Büro oder zu meiner Wohnung ist.

Steht das nicht im Widerspruch zur fortschreitenden Urbanisierung? Können Städte es sich leisten, solche kleinteiligen Räume zu planen?

Es ist richtig, dass große Agglomerationen auch in Deutschland wachsen. Das geht aber nicht unbedingt damit einher, dass die existierenden Räume in einer Stadt voll besetzt sind. In den meisten Städten gibt es brachliegende industrielle Flächen, die auf eine Entwicklung warten. Der Druck ist momentan in der Tat aber enorm, weil die Wohnraumfrage so dominant ist und die Miet- und die Grundstückspreise in die Höhe gegangen sind.

Die Mietpreise in den Städten steigen. Gibt es bald eine Zweiklassengesellschaft: In der Stadt die gut verdienende Schicht, vor den Toren die, die es sich nicht leisten können?

Die Beobachtung ist grundsätzlich richtig. Aber selbst Städte wie München haben erkannt, dass sie der Entwicklung Einhalt gebieten müssen. Münchens Oberbürgermeister Reiter hat eine neue Einheit in der Stadt geschaffen, deren wichtige Aufgabe es ist, in München auch immer bezahlbare Atelier- und Proberäume zu sichern. München ist sich sehr bewusst, dass es aufgrund seines Preisniveaus längerfristig unattraktiv wird, wenn sie diese kulturelle Differenz nicht mehr herstellen kann. Dann wohnen am Ende tatsächlich nur noch einkommensstarke Yuppies in der Stadt. Die Kreativen hingegen setzen sich in den Zug und fahren nach Leipzig oder Berlin.

Angesichts von genereller Wohnungsnot ist es schwierig, Wünsche einzelner zu berücksichtigen...

Es gibt einen enormen Druck auf den Wohnungsmarkt, dort schnell bezahlbaren Wohnraum herzustellen, deshalb ist es in der Tat nicht immer en vogue über Mischungsverhältnisse nachzudenken, um Wohnen und Arbeiten in einem Quartier zu fördern. Die Flüchtlingsproblematik hat noch zusätzlichen Druck auf den Wohnungsmarkt ausgeübt. Arbeit und Wohnen müssen künftig aber wieder in Einklang gebracht werden, schon um das Mobilitätsaufkommen in den Speckgürteln der Stadt zu verringern. Dass das auch in eng gebauten Städten geht, zeigen Beispiele wie das Berliner Aufbau Haus am Moritzplatz.

Bastian Lange
, Dr. phil., ist Stadt- und Wirtschaftsgeograph und spezialisiert auf Kreativwirtschaft, Governancefragen, Innovationsprozesse und Raumentwicklung. Er leitet das Forschungs- und Strategieberatungsbüro Multiplicities-Berlin und hatte 2011 bis 2012 eine Gastprofessur an der Humboldt Universität zu Berlin inne. Er befasst sich insbesondere mit sozioökonomischen Transformationsprozessen des kreativen Wissenszeitalters und macht sie für Politik, Wirtschaft und kreative Szenen handhabbar.

(Foto: Screenshot Youtube/Edeka)