Die Neuschöpfung der Wirklichkeit

Neue Technologien führen zu einer Vernetzung der physischen und virtuellen Welt. Was wird am Ende dieser Entwicklung stehen?
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HYPERLOCALITY
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14.02.2014

Die Neuschöpfung der Wirklichkeit

Neue Technologien führen zu einer Vernetzung der physischen und virtuellen Welt. Was wird am Ende dieser Entwicklung stehen?

Ein Kommentar von Max Celko

Neue Technologien führen zu einer immer engeren Vernetzung der physischen und virtuellen Welt. Die interaktiven Möglichkeiten, die wir aus dem Internet kennen, übertragen sich damit zunehmend auf unsere Umwelt. Am Ende dieser Entwicklung steht Hyperlocality: Der Begriff bezeichnet den Zustand, in dem alle Geräte und Objekte digital vernetzt, örtlich lokalisierbar und mit einer virtuellen „Aura“ versehen sind. Die Art und Weise, wie wir uns in der Welt bewegen und mit Menschen und Objekten interagieren, verändert sich damit grundlegend.

Die Basis für Hyperlocality sind ortsbasierte Technologien, mobile Kommunikationsgeräte, Bilderkennungssysteme und Augmented Reality. Dadurch wird es möglich, physische Objekte mit Informationen in der Cloud zu verlinken und mit diesen zu interagieren. Ortsbasierte Technologien bestehen aus einer Reihe unterschiedlicher Funksysteme wie GPS, RFID, NFC und Bluetooth. Bilderkennungssysteme wurden bisher in Kombination mit grafischen Markern wie QR Codes eingesetzt. Die neuste Generation dieser Systeme ist aber in der Lage, Objekte direkt an ihrer Form zu erkennen. Ein umständliches Scannen von Markern fällt damit weg.

Unsere Umwelt wird interaktiv
Hyperlocality hat den Effekt, dass unsere Umwelt interaktiv wird – vergleichbar mit einer Webseite im Internet. Beispielsweise wird es möglich, mit dem Smartphone auf Objekte zu „klicken“, um Zusatzinformationen zu diesen aufzurufen. Es entstehen intelligente Umgebungen, die in der Lage sind, individuell auf uns zu reagieren. GeoFencing oder iBeacons erlauben es beispielsweise, Smartphone-Nutzer zu identifizieren und an spezifischen Orten anzusprechen. Visuelle Erkennungssysteme sind zudem immer besser in der Lage, Menschen und deren Emotionen zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. Digitale Werbeplakate könnten dann das Alter und Geschlecht von Passanten erkennen und automatisch passende Inhalte anzeigen. 

In Zukunft wird Wearable Tech noch viel weitergehende Möglichkeiten bieten, um mit der Umwelt zu interagieren. Über digitale Brillen werden wir jederzeit Zugriff auf Zusatzinformationen direkt im Blickfeld haben. Integrierte Kameras erlauben dann neuartige Vision Sharing-Anwendungen. Die Vernetzung von Communities wird dadurch noch enger und unmittelbarer. Augmented Reality macht es sogar möglich, die Umwelt mit einer virtuellen Schicht zu überlagen. So entsteht eine neue Dimension der Wahrnehmung, die individuell personalisierbar ist. In der hyperlokalen Zukunft bestehen Objekte somit theoretisch aus drei Komponenten: Erstens aus dem physischen „Kern“, zweitens aus Daten, die als eine Art Gedächtnis funktionieren und in der Cloud gespeichert werden, und drittens aus einer virtuellen Hülle. Augmented Reality-Brillen bieten damit Potential für eine Vielzahl von neuen Anwendungen von Social Networking über Gaming und Unterhaltung bis zu Shopping.

Da mobile Geräte als ständige Begleiter im Alltag dienen, sind sie in der Lage, detaillierte Informationen über unsere Gewohnheiten und Vorlieben zu sammeln – wo wir uns aufhalten, was wir auf Social Media posten oder welche Marken und Produkte wir mögen. Sony beispielsweise hat vor Kurzem ein „Lifelogging“-Gerät namens Core präsentiert, das dazu dienen soll, die eigenen Alltagsaktivitäten möglichst lückenlos aufzuzeichnen. Wearable Tech-Geräte wie Jawbone Up, Fitbit Flex oder das FuelBand von Nike messen zudem Vitalfunktionen wie Herzfrequenz, Blutdruck und Kalorienverbrauch. In Zukunft könnten solche Quantified Self-Funktionen sogar direkt in Kleidungsstücke integriert werden. Erste Prototypen hierfür existieren bereits.

Konsumenten personalisiert ansprechen
Das Sammeln und Auswerten von persönlichen Daten ermöglicht eine Vielzahl neuer Dienstleistungen. Die Anhänger der Quantified Self-Bewegung beispielsweise versprechen sich dadurch Hilfe bei der Erreichung von persönlichen Sport- und Gesundheitszielen. Mit Social Networking-Anwendungen kombiniert, können persönliche Daten genutzt werden, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Für Händler und Vermarkter bietet Big Data neue Potentiale, Konsumenten personalisiert anzusprechen. Immer wichtiger wird zudem Predictive Search. Es handelt sich dabei um Assistenz-Systeme, die den Nutzern proaktiv Kontextinformationen liefern, die genau auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind.

Fortschritte im Bereich der Künstliche-Intelligenz-Systeme werden in Zukunft dazu führen, dass mobile Geräte immer besser in der Lage sind, unsere Wünsche und Bedürfnisse zu identifizieren, und auf eine intuitive Art mit uns zu interagieren. Kombiniert mit digitalen Brillen, die virtuelle Überlagerungen ins Blickfeld projizieren und so die Umwelt personalisieren, entstehen völlig neue Erlebnisse der Realität. Vorstellbar sind etwa virtuelle Charaktere, die uns im Alltag begleiten, oder digital erweiterte Umgebungen, mit denen wir intuitiv interagieren können und die als ein Spiegel unserer Identität funktionieren.

Heute stehen wir erst ganz am Anfang dieser Entwicklung. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, welche Rolle Wearable Tech und die damit verbundenen interaktiven Möglichkeiten in unserem Alltag einnehmen. Sicher ist jedoch, dass sich die Art und Weise, wie wir mit Objekten und Menschen in Beziehung treten, um neue Dimensionen erweitert.

 

10Mio.

digitale Brillen, so eine Prognose von IHS, sollen bis 2016 ausgeliefert werden.

(Quelle: press.ihs.com)

 


 

36%

aller Verbraucher sind bereit dem Einzelhandel Ihren Standort mitzuteilen.

(Quelle: ibusiness.de)


Der Autor

Max Celko ist Trendforscher und Digital-Berater in Berlin und New York. Er beobachtet neue Trends im Digital-Bereich und hilft Unternehmen, auf dieser Basis neue Produkte, Dienstleistungen und Markenstrategien zu entwickeln.

 

Celko hat international mit namhaften Trend- und Innovationsfirmen wie GDI (CH), TrendOne (D) und PSFK (USA) zusammengearbeitet und Unternehmen aus den Bereichen Medien & Kommunikation, Mobility, Konsumgüter und Unterhaltungselektronik beraten.

 

Davor war Celko als Journalist und Fernsehautor tätig. Dies führte ihn unter anderem nach Peking, wo er für die Sender Arte und VICE.com neue Jugendszenen und -trends portraitierte.

 

Durch seine internationalen Tätigkeiten verfügt Celko über ein großes Netzwerk von Trend Scouts, Lead Usern und digitalen Innovatoren in den wichtigsten Metropolen.

 

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Letzte Aktualisierung
13.09.2016