17.05.2017

"Ziel ist ein flexibles, dynamisches und leistungsgerechtes Tarifsystem"

Interview mit Theresa Graf, Projektleiterin für Elektronische Vertriebsmedien bei der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund GmbH

In welcher Situation befindet sich derzeit der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV), dass hier über ein innovatives Pricing nachgedacht werden muss?

Wir befinden uns an einem Punkt, an dem sich viel verändert. Es gibt in unserer Gesellschaft unter anderem zwei Trends, die den ÖPNV wesentlich beeinflussen und vor neue Herausforderungen stellen: Der eine ist die Multimodalität, das heißt, der Kunde ist immer und vielfältig mobil, also mit unterschiedlichen Verkehrsträgern und Mobilitätsdiensten unterwegs. Der andere ist die Digitalisierung: Der Kunde ist immer und überall online und erwartet dies auch sein zu können, er bringt also veränderte Ansprüche mit. Die Fragen, die sich uns dabei stellen, sind, wie diese beiden Trends vereint werden können und welche Chancen und Möglichkeiten sich daraus ergeben. Diese können von mobilem Ticketing über elektronische Tarife oder intermodale Tarife bis hin zu einer modernisierten Vertriebstechnologie reichen. Die Digitalisierung eröffnet auch die Möglichkeit, das Medium für Planung, Buchung und Bezahlung zu vereinen – auch über verschiedene Verkehrsträger hinweg.

Die meisten Metropolen stehen vor dem Problem, dass noch immer zu viele Menschen mit dem Auto unterwegs sind und somit die Straßen verstopft sind und die Luft verpestet wird. Wie können die Menschen in den Städten dazu gebracht werden, den ÖPNV stärker zu nutzen?

Auf der einen Seite ist sicherzustellen, dass das Angebot attraktiv sowie zuverlässig ist, ein gutes Preis-Leistungsverhältnis besteht – insbesondere im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln – sowie das Tarifsystem transparent und einfach verständlich ist. Auch muss der Kunde einfach an das richtige Ticket kommen. Auf der anderen Seite müssen für eine erfolgreiche Stärkung des ÖPNV auch begleitende verkehrspolitische Maßnahmen wie die Intensivierung der Parkraumbewirtschaftung vorgenommen werden. Das Auto könnte so kostenintensiver werden und an Komfort verlieren.

Was gilt es bei der Tarifgestaltung zu berücksichtigen? Welche Anforderungen werden an ein Tarifsystem gestellt?

Es gibt hier ein Spannungsfeld, das von den drei wesentlichen Parteien Fahrgast, Verkehrsunternehmen, Aufgabenträger aufgespannt wird. Alle drei bringen verschiedene Anforderungen an die Tarifgestaltung mit. Für den Kunden ist beispielsweise die Verständlichkeit wichtig, entsprechend einfach und transparent sollte das Tarifsystem gestaltet sein. Ebenso spielen die Leistungsgerechtigkeit und die soziale Ausgewogenheit eine Rolle: Die Kunden müssen sich gegenüber anderen Kunden gerecht behandelt fühlen, außerdem sollte sich jeder den ÖPNV leisten können. All dem steht das wirtschaftliche Handeln der Verkehrsunternehmen gegenüber, was auch im Interesse der Aufgabenträger liegt.

Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?

Es muss immer ein Mittelweg gefunden werden. Man könnte zum Beispiel einfach einen Einheitspreis pro Fahrt verlangen. Das wäre zwar verständlich für den Kunden, aber natürlich nicht gerecht, weil man für eine Station mit dem Bus das Gleiche zahlen würde wie für die Fahrt vom einen zum anderen Ende des Verbundgebietes. Daher gibt es hier Differenzierungen, aber nur so weit, dass es noch praktikabel ist, da wir überwiegend Selbstbedienung beim Ticketkauf haben.

Welche Chancen ergeben sich auf diesem Gebiet durch die Digitalisierung?

Der Kunde ist immer online und nutzt sein Smartphone bereits für viele Dienste, auch für Ticketing und Bezahldienste. Schon jetzt kann das Smartphone – das die meisten Kunden immer dabeihaben – als Fahrkartenautomat dienen. In Zukunft könnte das Smartphone für die automatische Erfassung und Bepreisung der Fahrt eines Kunden verwendet werden. Ein elektronischer Tarif (eTarif) würde erweiterte Möglichkeiten zur Preisdifferenzierung zur Erhöhung der Leistungsgerechtigkeit bieten. Der Kunde müsste dann nicht mehr im Vorhinein den passenden Fahrausweis erwerben. Und die Verkehrsunternehmen hätten bessere Möglichkeiten zur Nachfrage-  und Auslastungssteuerung. Zu klären ist in diesem Zusammenhang insbesondere noch die Frage nach dem Datenschutz.

Wie soll das Tarifsystem in München reformiert werden? Welche Vorteile beziehungsweise Erleichterungen ergeben sich dabei für den Fahrgast?

Neben der Steigerung der Transparenz für den Kunden wollen wir für soziale Ausgewogenheit sowie höhere Leistungsgerechtigkeit sorgen. Dafür ist ein flexibles, dynamisches und modernes Tarif- und Vertriebssystem notwendig. Dieses werden wir in mehreren, zeitlich versetzten Schritten aufbauen: Derzeit überarbeiten und modernisieren wir die bestehende Tarifstruktur, das heißt, wir halten am Tarif mit Flächenbezug fest, harmonisieren aber die Flächeneinteilung für Gelegenheits- und Zeitkartenkunden. Unser Ziel ist aber eine neue Tarifstruktur, bei der die Preisbildung auf Basis der zurückgelegten Entfernung erfolgt: Der Fahrgast bezahlt die tatsächlich gefahrene Strecke, die mittels Systemen für Check-In/Check-Out, Be-In/Be-Out und Check-In/Be-Out elektronisch erfasst wird. Da wir uns derzeit noch in der Ausarbeitung des ersten Schritts befinden, können wir bislang aber nur bedingt Aussagen über die konkreten Inhalte der Reform treffen.

Über Theresa Graf
Als Projektleiterin für Elektronische Vertriebsmedien unterstützt Theresa Graf die Münchner Verkehrs- und Tarifverbund GmbH (MVV GmbH), den öffentlichen Verkehr in München an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen und zukunftsfähig zu gestalten. Davor war Graf, die zunächst Geographie an der LMU in München studiert und anschließend ein Masterstudium an der TU Wien in der Fachrichtung Raumplanung absolviert hat, bei der BMW Group in die Themen Carsharing, intermodale Routenplanung und Mobilitätsdienste involviert.

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