17.05.2017

Wenn die Wurst mit dem Bus kommt

Nicht zuletzt die demografische Entwicklung sorgt dafür, dass das Überleben des Öffentlichen Personennahverkehrs in vielen ländlichen Regionen stark bedroht ist. In der Uckermark im Nordosten Deutschlands wurde eine clevere Lösung für das Problem gefunden.

Wer im ländlichen Raum lebt, am Ende noch in einer dünnbesiedelten und strukturschwachen Region, der kennt das Problem zur Genüge: Der Bus zur nächst größeren Stadt kommt höchstens morgens, mittags und abends vorbei, in den Zeiten dazwischen muss jeder selbst sehen, wie er aus seinem Nest herauskommt. Und dort, wo die Schülerzahlen sinken – der Schülerverkehr ist eine Pflichtaufgabe der Kommunen – werden die Fahrpläne des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) bis zur Schmerzgrenze weiter gekürzt.

Nicht so in der Uckermark, einer im nordöstlichsten Zipfel des Landes gelegenen Region: Hier, in Brandenburgs flächenmäßig größtem Landkreis, ist der so genannte KombiBus unterwegs, der von der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft gemeinsam mit Interlink, einer Berliner Unternehmensberatung für regionale Verkehrsunternehmen, ins Leben gerufen wurde. Das Besondere an dem äußerlich ganz normalen Bus: Er transportiert nicht nur Personen, sondern – entweder im Gepäckraum, in einem eigens abgetrennten Bereich oder mittels eines Anhängers – auch kleinere Frachtmengen. „Im Grunde handelt es sich dabei um eine Retro-Idee“, erklärt Anja Sylvester, Diplom-Geografin und Beraterin bei Interlink. Bis Mitte, Ende der 60er-Jahre fuhr in Deutschland nämlich noch der Postbus, der – auch Kraftpost genannt – als Nachfolger der guten alten Postkutsche neben Fahrgästen auch Postsendungen beförderte, bis es schließlich zu einer offiziellen Trennung von Güter- und Personenverkehr kam – „eigentlich ohne Not“, wie Anja Sylvester findet. „Aber damals ging es uns eben noch so gut, dass man zwei Systeme umherfahren lassen konnte, was heute leider anders aussieht.“

Auch die Uckermärkischen Verkehrsbetriebe stehen vor dem Problem, dass sie mit ihrem Linienverkehr im Grunde nur rote Zahlen schreiben. Um den Fahrbetrieb in der zum Teil dünn besiedelten Fläche zumindest etwas rentabler zu gestalten und so vor dem Aussterben zu retten, entwickelte Interlink, in Zusammenarbeit mit dem raumkom Institut für Raumentwicklung und Kommunikation in Trier sowie der Fahrplangesellschaft B&B in Berlin, den KombiBus. Dieser ist seit September 2012 in Betrieb, und wenn ein Busfahrer nun eine Haltestelle anfährt, kommt es durchaus des Öfteren vor, dass dort kein Mensch, dafür aber eine Palette voller Lebensmittel oder einige Päckchen und Pakete auf ihn warten. Auch bleibt der Bus mal zwischen zwei Haltestellen stehen, um zu be- oder entladen, solange er nicht seine feste Route verlassen muss. Alles in allem ein System mit vielen Profiteuren: Für lokale oder regionale Produzenten wurde nun mithilfe des günstigen KombiBusses der Versand selbst von Kleinstmengen rentabel. Auch konnte eine regionale Handelskette vor Ort mit ins Boot geholt werden: Diese beliefert seitdem nicht nur ihre eigenen Läden mit regionalen Erzeugnissen wie Käse, Honig oder Obst, sondern auch die Tourismusinformationen. „Dadurch wurden sie zum Nahversorger auch für die ortsansässige Hotellerie und das Gastgewerbe“, erklärt Sylvester.

Allerdings: Noch ist nicht alles Gold, was glänzt. Zwar erfreut sich der KombiBus laut Sylvester „einer zunehmenden Nachfrage. Doch in der Gesamtschau reißt die einen nicht vom Hocker.“ Dafür gibt es mehrere Gründe: Zwar macht der KombiBus die so genannte letzte Meile zum Kunden, die für viele Unternehmen von den Transportkosten her wirtschaftlich am unrentabelsten ist, unschlagbar preiswert. Das Problem ist aber: Bislang ist das System bundesweit nicht flächendeckend aufgestellt, sondern nur in der Uckermark. „Und keines der Unternehmen würde allein aufgrund eines Landkreises seine Logistik umstellen“, so Sylvester weiter. Weitere Schwierigkeiten bereitet die Frage, wie die bestellte Ware von der Bushaltestelle zum Empfänger kommt. „Es gibt keinen pünktlicheren Logistikanbieter als die Verkehrsgesellschaft, der Bus fährt jeden Tag nach Fahrplan, und die Waren können auch taggleich, innerhalb von zwei bis vier Stunden geliefert werden“, erklärt die Diplom-Geografin. „Der Busfahrer kommt aber nicht in den 5. Stock, schließlich kann er seinen Bus nicht unbeaufsichtigt lassen.“ Darüber hinaus würde eine Haustürbedienung auch jeden Fahrplan sprengen.

Eine mögliche Lösung für diese Probleme könnte die Idee der „LandLogistik“ sein, die das Beraterteam rund um Interlink derzeit entwickelt. Dabei sollen nicht nur die Linienbusse, sondern möglichst sämtliche Verkehrsmittel in der Region Brandenburg eingebunden werden. „Angefangen beim Lastenfahrrad über den Privat-Pkw bis hin zum Paketdienst und dem Lkw - es gibt ja noch ganz andere leere Frachtflächen, die lokal umherfahren, die aber niemand kennt“, erklärt Anja Sylvester. Die Frage ist also, wie diese erfasst und dann auch noch miteinander vernetzt werden können. Seit Dezember letzten Jahres arbeitet Interlink daher an einer digitalen Lösung, um die Daten aus dem Güterverkehr mit den Daten der Personenbeförderung zu verknüpfen, um daraus kombinierte Dienstleistungen oder Transportketten zu planen. „Das heißt, ein Warenversender kann zukünftig einen Auftrag über diese Plattform eingeben und bekommt daraufhin Vorschläge, wer seine Sendung dann umherfährt“, sagt Sylvester. „Je nachdem kann das dann auch eine kombinierte Transportkette zwischen Lkw, Bus und Lastenfahrrad sein.“

Die benötigten Freiflächen wären auf jeden Fall vorhanden: In der ganzen EU sind derzeit 28 Prozent der Fahrten über Schiene und Straße Leerfahrten, die nicht genutzt werden. „Unser Ziel ist, diese freie Flächen erst mal zu visualisieren und durch intelligente Verknüpfungen mit den Dispositionssystemen aus der Logistik und aus den Verkehrsunternehmen zu kombinieren, um da zusätzliche Deckungsbeiträge zu erwirtschaften und die Auslastung zu steigern.“ Das heißt: Dann könnte ein einziges Paket schon mal über DHL, Hermes, dem Lastenfahrrad und dem Bus zum Empfänger gelangen. Das spart nicht nur Kosten, sondern schont auch noch die Umwelt, da ein Haus am Ende vielleicht nicht mehr von fünf, sondern nur noch von einem oder zwei Zustellern angefahren wird. „Das ist alles High-Tech-Logistik, die ganz eindeutig nur durch die Digitalisierung möglich ist“, betont Anja Sylvester. „In einer analogen Welt würden wir das so nicht lösen können.“

Bildnachweis: Copyright © Interlink GmbH, Fahrplangesellschaft B&B, raumkom