Eine Seilbahn in der Stadt

Ein Interview mit Ekkehard Assmann, Leiter Marketing und Öffentlichkeitsarbeit bei Doppelmayr.

Herr Assmann, Seilbahnen im urbanen Raum sind in der deutschen Öffentlichkeit kaum ein Thema. Warum?

Da gibt es viele Gründe. Die Seilbahn ist gerade in Mitteleuropa ein sehr ungewohntes Bild. An andere Dinge wie Hochspannungsmasten haben wir uns gewöhnt, die nehmen wir schon gar nicht mehr wahr. Uns ist durchaus bewusst, dass es hier noch Zeit braucht, insbesondere in Deutschland, aber auch in Österreich oder anderen Bereichen Mitteleuropas. In anderen Teilen der Welt funktioniert es schon sehr gut, und um es vielleicht etwas pathetisch auszudrücken: Wir haben bisher noch keine einzige Seilbahn gebaut, die der Kunde gerne wieder zurückgeben würde. Im Gegenteil, alle, die wir bisher gebaut haben, würden genauso wieder gebaut, weil sie alle rundum zufrieden sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Sie haben vielleicht die Geschichte in Koblenz etwas mit verfolgt: Wir durften dort für die Bundesgartenschau 2011 eine Seilbahn über den Rhein bauen. Es gab auch durchaus negative Stimmen, Menschen, die gemeint haben, das passt nicht, das funktioniert nicht, ob aus der Öffentlichkeit oder aus der Politik. Wir haben diese Bahn zunächst auch nur beschränkt auf drei Jahre gebaut, es war vertraglich festgelegt, sie danach wieder abzubauen. Wir hätten auch schon einen Kunden gehabt, der sie übernommen hätte. Doch dann sind die Koblenzer aufgestanden, haben Unterschriftenaktionen gestartet, denn sie haben festgestellt: Diese Seilbahn hat so gut funktioniert, sie bringt so viel für unsere Stadt, wir wollen sie behalten. Die Seilbahn läuft also noch, wir haben sie stehen gelassen und betreiben sie weiter und betreiben sie nach wie vor erfolgreich.

Unterscheidet sich der Betrieb einer Seilbahn in der Stadt von dem in einem Skigebiet?

Grundsätzlich nicht, technisch gesehen ist hier nicht allzu viel Unterschied von den primären Funktionen. Natürlich müssen Sie auf andere Dinge achten, je nachdem, ob dort eine Klimaanlage vorhanden ist, oder was passiert im Bergefall. Das heißt, beispielsweise bei einem längeren Stromausfall müssen wir sehen, dass wir die Seilbahn-Passagiere auch wieder aus den Kabinen herausbekommen. Dazu haben wir ein eigenes System entwickelt, wie wir Kinder, Familien, eingeschränkt mobile oder ältere Personen bergen können, die können Sie natürlich nicht abseilen, wie es möglicherweise am Berg passiert. Hier gibt es entsprechende Räumungskonzepte, die auch schon umgesetzt wurden, im Räumungsfall garantieren wir, dass wir die Kabinen in die Stationen bringen. In der Stadt sind die Seilbahnen zudem sehr viel länger in Betrieb. Im Skigebiet beginnt der Betrieb um 9 Uhr und endet um 16.15 Uhr. In der Stadt fangen wir oft morgens um 5, 6, 7 Uhr an und fahren bis weit in die Nacht hinein. Alles kein Problem, das kann die Seilbahn leisten.

Was war das größte Projekt, das Sie bisher realisiert haben?

Das weltgrößte Projekt, das wir bisher umgesetzt haben beziehungsweise in dessen Umsetzung wir uns noch befinden, ist sicherlich La Paz in Bolivien, wo wir die alte Regierungsstadt La Paz mit der jüngeren Arbeitersiedlung El Alto verbinden. Dort gingen 2014 in Phase 1 drei Seilbahnen mit insgesamt elf Kilometern Länge in Betrieb, und wir haben bereits in diesem Sommer die Zahl von 50 Millionen Passagieren erreicht, ohne einen nennenswerten Zwischenfall. Derzeit läuft die Phase 2, in der weitere sechs Seilbahnen mit nochmal rund 20 Kilometern Gesamtlänge gebaut werden. Die erste dieser Bahnen ist Ende November fertig geworden und geht im Frühjahr in den Betrieb, voraussichtlich im Frühjahr 2019 soll dann die letzte Bahn ihre Fahrt aufnehmen.

Konnte der Verkehr in La Paz dadurch tatsächlich entlastet werden?

Ja, natürlich. Ich war selbst schon drüben, dort gibt es genau eine Verbindungsstraße zwischen La Paz und El Alto. Die meisten Arbeitsplätze sind in La Paz, die meisten Arbeitnehmer wohnen in El Alto, da braucht es über diese Straße bis zu eineinhalb Stunden einfacher Arbeitsweg mit dem Minibus oder mit dem Auto. Den schaffen Sie mit der Seilbahn in 10 bis 15 Minuten. Das ist einfach eine Zeitersparnis, die sehr stark ins Gewicht fällt und die die Lebensqualität natürlich deutlich erhöht.

Können sich die einfachen Arbeiter denn die Fahrt mit der Seilbahn auch leisten?

Auf jeden Fall! Die Minibusse kosten pro Fahrt etwa 30 Cent. Bei der Seilbahn liegt der Betreiber mit einem Ticketpreis von knapp 35 Cent ganz leicht darüber, das sind wir in Europa auch nicht gewöhnt. Aber bei Mengen von 50 Millionen Fahrten innerhalb von zwei Jahren ist das natürlich auch möglich. Die Folge ist, dass die Amortisationszeit dieser Seilbahn erstens sehr viel kürzer als gedacht ist, zweitens wird sie sich über die Erträge aus dem ÖPNV selbst abbezahlen. Das ist eine Geschichte, die es im ÖPNV ganz selten gibt.

Wo gehen Sie als nächstes hin?

Derzeit ist der Hotspot, wenn es um Seilbahnen im urbanen Bereich geht, sicherlich Südamerika. Aber ob das Singapur, London, Barcelona, Algerien oder Lagos ist, wo derzeit ebenfalls ein riesengroßes Projekt läuft, es gibt viele viele Ideen und Projekte auf der ganzen Welt.

Wo sehen Sie die Personenbeförderung der Zukunft?

Ich glaube nicht, dass es hier ein Rezeptwissen gibt oder genau zwei Systeme, die hier verwendet werden. Ich glaube, es wird viele unterschiedliche Verkehrsmittel geben, die alle ihre Vorteile ausspielen werden, die aber ineinander so vernetzt sein werden, dass der Benutzer diese Verkehrsmittelwahl beziehungsweise den Wechsel zwischen den unterschiedlichen technischen Systemen gar nicht mehr registriert. Am Ende sind wir dann wohl beim Beamen.

Über Doppelmayr
Als Qualitäts-, Technologie- und Marktführer im Seilbahnbau betreibt Doppelmayr/Garaventa Produktionsstandorte sowie Vertriebs- und Serviceniederlassungen in mehr als 35 Ländern der Welt. Bis heute realisierte das Unternehmen über 14.700 Seilbahnsysteme für Kunden in 90 Staaten.

Die innovativen Seilbahnsysteme von Doppelmayr/Garaventa bieten im urbanen Bereich zahlreiche Vorteile. Sie überwinden Wohngebiete, Flüsse und die bestehende Infrastruktur mit Leichtigkeit und schweben über sämtliche Verkehrsbehinderungen hinweg.

Fotocredits: Doppelmayr