19. Dezember 2019

Nachlese zum Symposium "Wir, die Stadt"

Am 25.11. fand das Symposium „Wir, die Stadt. Digitale Beteiligungsformate für Smart Cities“ mit über einhundert Teilnehmern von Stadtverwaltungen, Unternehmen, Universitäten und aus der Bürgerschaft statt.

In drei Panels wurden die Herausforderungen und Potenziale digitaler Beteiligungsprozesse diskutiert.  Hier wurden bestehende Erfahrungen zusammengetragen und ein Blick in die Zukunft gewagt. Außerdem konnten sich die Teilnehmer in zwei verschiedenen Formaten aktiv einbringen.

Zur Begrüßung führte Dr. Eva Ottendörfer vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation noch einmal in den Gesamtkontext ein: “Allgemein ist zwar klar, dass die Smart City in erster Linie den Bürgerinnen und Bürgern einer Stadt nutzen soll und tatsächlich besteht laut offiziellen Daten ein großes Bedürfnis nach Mitsprache und Mitbestimmung. Gleichzeitig ist aber völlig unklar, welche Konsequenzen digitale Formate für die Mitsprache haben. Algorithmen sind nur vermeintlich neutral und ihre Anwendung kann ungeahnte gesellschaftliche Konsequenzen haben.“ Stadträtin Albina Nazarenus Vetter betonte in ihrem Grußwort, dass Studien zu Volksbegehren und anderen direktdemokratischen Verfahren zeigen, dass sich vor allem gebildete Menschen beteiligen und so Ihre Interessen durchsetzen. Es stellt sich die Frage, ob digitale Beteiligungsformate daran etwas ändern können. Denn diese Formate sind nur dann repräsentativ, wenn sie alle Bevölkerungsschichten erreichen.

 

 



Panel #1

Das erste Panel beschäftigte sich mit der Frage, ob digitale Beteiligungsformate eine neue gesellschaftliche Fragilität hervorrufen. Sebastian Gölz vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme argumentierte, dass mit diesen Formaten die Zusammenhänge von Problemen besser dargestellt werden können. Was die jüngeren Generationen angeht, wies Jennifer Sieglar vom Hessischen Rundfunk darauf hin, dass sie durchaus politisch aktiv sind und äußerst differenzierte politische Meinungen vertreten. Gleichzeitig bestünde das Risiko, dass sich ein wesentlicher Teil aus digital geführten Debatten ausklinkt, einerseits, weil sie sich nicht gehört fühlen, andererseits, weil große Angst vor Mobbing bestünde. Bernadette Spinnen von der Bundesvereinigung City und Stadtmarketing warf ein, dass digitale Formate mindestens genau so viel Steuerung brauchen, um nicht zur Bedrohung für demokratische Strukturen zu werden. Auch Prof. Dr. Heiner Monheim bestätigte diese Einschätzung. Zwar ist das Potenzial, mehr Leute in die Entscheidungen einzubeziehen beachtlich, aber das führt oft zu einer verkürzten Debatte. Das Panel zeigte sich darin einig, dass vor allem die Grundhaltung eine wichtige Rolle spielt. Eine zu starke Betonung individueller Interessen auf Kosten der Gemeinschaft, verhindert Konsens. Außerdem setzen digitale Formate mindestens ebenso viel Planung und Ressourcen voraus wie analoge. Vielen Kommunen fehlt es leider an den dafür nötigen Mitteln. Eine Frage aus dem Publikum machte deutlich, dass es vor allem entsprechend geschulte Mitarbeiter in den Stadtverwaltungen braucht und damit die Bereitschaft „von ganz oben“, den entsprechenden Wandel in der Verwaltung einzuleiten. Damit einher ging der Appell, diesen Wandel in Wahlen eben auch einzufordern.



Panel #2

Im zweiten Panel tauschten die Referenten Erfahrungen zu bestehenden Formaten aus. Kai Uwe Ernst, Managing Director von Cluster Reply, stellte das Puls der Stadt-Dashboard vor, welches, mit Hilfe von Machine Learning, Stimmungen aus über 8 Mio. geokodierten Datenpunkten aus  sozialen Netzwerken visualisiert. Theresa Lotichius von „Wer Denkt Was“ warnte davor, ausschließlich digitale Formate in der Bürgerbeteiligung zu verwenden. Stattdessen können diese nur ein Format von verschiedenen sein, um alle Menschen zu erreichen und sich differenziert über Themen auszutauschen. Urmas Klaas, Bürgermeister der Stadt Tartu, betonte, dass Smart City nicht auf Technologien beruht, sondern eine Mentalität darstellt. Diese Mentalität beinhaltet unter anderem die Bereitschaft, seine Daten zu teilen, wenn man weiß, dass sie sicher sind und dass sie zum eigenen Vorteil eingesetzt werden. Theresa Lotichius ergänzte, dass es vor allem wichtig ist, von Anfang an zu klären, was genau die Menschen zu erwarten haben und diese Regeln nicht zwischen durch zu ändern. Dies führt sonst leicht zu Frustrationen. Zudem muss es Feedback geben, was mit ihrem Input passiert. Kai Uwe Ernst wies darauf hin, dass man digitale Beteiligung auch mit den vielen Daten kombinieren muss, die ohnehin schon gesammelt werden. Urmas Klaas verwies darauf, dass offengelegt werden muss, wofür die Daten gesammelt werden. Dies zu kommunizieren bedeutet sehr viel Aufwand. Aus diesem Grund wächst die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in der Stadtverwaltung Tartus momentan am schnellsten.



Interaktive Sessions

Nach der Mittagspause fand der interaktive Teil statt. Alle Teilnehmer konnten sich hier einbringen und aktiv an Lösungen mitarbeiten. Die drei World Cafés, geleitet von Christine Riedmann-Streitz, Theresa Lotichius und Prof. Dr. Heiner Monheim, diskutierten u.a. über Hürden zur Implementierung von Beteiligungstools und die Beeinflussung der Demokratie. Als Schlüsselfaktoren wurden Transparenz, Bekanntheit, Kompetenz und Usability erarbeitet. Die Design Thinking Sessions, durchgeführt anhand der Blackbox, wurden dazu genutzt, um Lösungen für zielgruppenspezifische Beteiligungsformate zu erarbeiten. Kernaussage der fünf Gruppen war, dass der Zugang barrierefrei, einfach und nativ ermöglicht werden muss. Dies bedeutet allerdings, dass pro Zielgruppe eine individuelle Lösung bereitgestellt werden muss.



Panel #3

Das dritte Panel wagte einen Blick in die Zukunft. Casimir Ortlieb, CEO von e.GO digital, betonte noch einmal die Wichtigkeit eines Umdenkens, bevor man sich über verschiedene Formate unterhält. Dies bestätigte auch Julian Petrin von Urbanista, der dazu aufrief, Bürger zu aktivieren, anstatt sie „nur“ zu beteiligen. Es ginge folglich nicht um die Frage, ob online oder offline Formate besser sind, sondern darum, die Menschen bei der Frage mitreden zu lassen, wie die Stadt aussehen soll, in der wir leben wollen. Dem fügte Christine Riedmann-Streitz, Geschäftsführerin von MarkenFactory, hinzu, dass eine entsprechende Vision immer stadtspezifisch sein muss. Dann repräsentiert sie die Identität einer Stadt, aus der sich jene Werte ableiten lassen, die Stadtgestaltung anleiten sollten. Gleichzeitig wurde angemerkt, dass es immer deutlicher wird, dass die Probleme komplex sind und alle angehen. Am ehesten kann man diese Komplexität über Experimente vermitteln, was jedoch von den Stadtverwaltungen nur selten unterstützt wird. Eine Veränderung weg von Insellösungen und Silodenken ist daher notwendig. Virtuelle Realitäten, gerade in der Bauplanung, bergen großes Potenzial, entsprechende Projekte sind bisher aber noch sehr kostenaufwändig. Sogenannte Caves, die eine entsprechende Veränderung virtuell simulieren, machen Veränderung anschaulich und die Konsequenzen für alle abschätzbar. Außerdem sei es durchaus sinnvoll, neue Ansätze erst einmal auszuprobieren, und die Leute dann entscheiden zu lassen. Was man sich vielleicht bisher nicht vorstellen konnte, erweist sich dann plötzlich als durchaus positiv.



Alanus von Radecki vom Fraunhofer IAO plädierte in seinem Abschlussvortrag für einen neuen Deal zwischen Bürgern und Stadtverwaltung. Die Einwilligung in die Sammlung und Auswertung persönlicher Daten sei auch bereits eine Form der Partizipation, denn auf Grundlage dieser Daten können wichtige Entscheidungen getroffen und neue Lösungen entwickelt werden. Der neue Deal betrifft deshalb eine Vereinbarung zwischen Bürgern und Stadtverwaltungen, dass erstere die Daten bereitstellen und letztere diese verwenden, um für die Bürger die Stadtentwicklung voranzutreiben.

Insgesamt erwies sich das Symposium als geeigneter Ort, Debatten anzustoßen und sich auszutauschen. Durch die rege Beteiligung aller Teilnehmer*innen wurden neue Ideen entwickelt und viele Fragen geklärt. Gleichzeitig zeigte sich, dass Beteiligungsformate eng verknüpft sind mit der Bereitschaft von Bürger*innen und Stadtverwaltungen, sich auf Neues einzulassen. Das Thema wird uns jedenfalls auch in den nächsten Jahren noch begleiten.

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