06. Februar 2020

Digitale Partizipation alleine macht eine Stadt nicht zur Smart City

Ein Kommentar von Christine Riedmann-Streitz, Querdenkerin und Geschäftsführerin der MarkenFactory.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns durch unsere Avatare in der City vertreten lassen, finden Leben und Arbeiten in der Stadt analog und digital, in der realen und virtuellen Welt statt. Entsprechend braucht Kommunikation analoge Medien (wie Print, Face-to-Face-Gespräche), digitale (wie Website, Social Media) und Out-of-Home Medien (in der Stadt, um die breite Öffentlichkeit zu erreichen). Oft wird der Grad der Smartness einer Stadt mit dem ihrer Digitalisierung gleichgesetzt, doch diese gedankliche Verkürzung führt leicht zum „Smart City Dilemma“: dem Primat der Technologie über Leben und Arbeiten in der Stadt. Sie verkennt das Wesen einer Stadt als verdichteter Kultur- und Wirtschaftsraum und vernetzter Kommunikationsraum, basierend auf der Gemeinschaft der dort ansässigen Bürger und Wirtschaft, die in der analogen und digitalen Welt leben und arbeiten. Daraus ergeben sich Konsequenzen für die erfolgreiche Entwicklung zur Smart City:

Partizipation ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Es gibt keine Stadt ohne die ansässigen Bürger und Wirtschaft. Ihre erfolgreiche Entwicklung zur Smart City unterliegt den Erfolgsfaktoren für Veränderungsprozesse, darunter das aktives Einbinden aller Beteiligten.

Partizipation ist mehr als „Bürgerbeteiligung“.
Wir sollten auf den Begriff „Bürgerbeteiligung“ verzichten, denn er verführt zur gewohnten Vielzahl an Befragungen und einmaligen Einladungen zu Runden Tischen. Das Ergebnis auf Seiten der Stadt: Big Data. Meist erfahren die Bürger nicht, was ihr Engagement bewirkt hat. Das Ergebnis auf Seiten der Bürger: Frustration und Desinteresse. „Involvement“ hingegen meint, Stakeholder aktiv dauerhaft einbinden. Dies geschieht durch: transparente Information (über Vision, Zielsetzung, Status Quo, Erfolge etc.), wertschätzende Kommunikation, aktive Partizipation (Teilhabe) und kontinuierliches Feedback (Stakeholder an die Stadt und umgekehrt). Ohne „Involvement“ droht eine Smart City zu entstehen, mit der sich weder Bürger noch Wirtschaft identifizieren können und der die notwendige Lebens- und Arbeitsqualität fehlt.

Citizen Engagement braucht Motivation.
Was motiviert Menschen, mitzumachen? Die Statistiken des Gallup Institut zum Mitarbeiter-Engagement in Unternehmen zeigen ein düsteres Bild: maximal ein Sechstel sind engagiert, die große Mehrheit macht „Dienst nach Vorschrift“ oder hat innerlich gekündigt. Hohes Engagement ist für eine Stadt in ihrer Transformation zur Smart City ein entscheidender Erfolgsfaktor. Wie Motivation entsteht, wissen wir aus Psychologie und Neurowissenschaften: Erstens: Menschen müssen Ziel und Sinn des Vorhabens verstehen, um sich damit identifizieren zu können. Viele Städte leiden unter der fehlenden attraktiven sinnstiftenden Vision: Wie sieht sie aus, die Smart City, die wir uns wünschen? Wie lebt und arbeitet es sich in ihr? Zweitens: Menschen müssen wissen, dass die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen und sie befähigt werden, den Wandel zu bewältigen. Sonst entstehen Widerstand oder Angst, abgehängt zu werden. Drittens: Die Stakeholder müssen davon profitieren („Was habe ich davon?“).

Der Weg zur Smart City braucht Kollaboration auf Augenhöhe zwischen der Stadt und ihren Stakeholdern, damit eine urbane Community entsteht, in der Bürger und Wirtschaft motiviert sind, aktiv zum Gemeinwohl beizutragen, weil sie sich als Teil der Community fühlen und derart von der Stadt behandelt werden. Diese „Kollektive Intelligenz“ gestaltet eine individuelle Smart City mit hoher Lebens- und Arbeitsqualität, die sich stetig weiter entwickelt und die allen nutzt: der Stadt, ihren Bürgern, der Wirtschaft.

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