Die Welt wird smart

Innerhalb eines Vierteljahrhunderts haben Internet und die mobilen Devices es geschafft, unsere gesamte Kommunikation zu revolutionieren. Sie sind auch die Basis für die digitale Transformation, die nun mehr und mehr an Fahrt aufnimmt. Eine Erscheinung dieser Transformation ist die zunehmende Vernetzung der realen Welt mit der virtuellen Welt.
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Smart Services
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07.10.2016

Die Welt wird smart

Innerhalb eines Vierteljahrhunderts haben Internet und die mobilen Devices es geschafft, unsere gesamte Kommunikation zu revolutionieren. Sie sind auch die Basis für die digitale Transformation, die nun mehr und mehr an Fahrt aufnimmt. Eine Erscheinung dieser Transformation ist die zunehmende Vernetzung der realen Welt mit der virtuellen Welt.

2016 ist das Jahr der Jubiläen: Vor 25 Jahren, am 6. August 1991, schaltete der britische Physiker Tim Berners-Lee am europäischen Forschungszentrum CERN in Genf die weltweit erste Website online – und machte damit die zuvor nur Wissenschaftlern vorbehaltene digitale Welt erstmals massenkompatibel. Heute ist das Netz aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken: Laut dem Digitalverband Bitkom sind drei von vier EU-Bürgern zwischen 16 und 74 Jahren (76 Prozent) mindestens einmal in der Woche online. In Deutschland trifft das auf 84 Prozent zu, in Island und Luxemburg ist mit jeweils 97 Prozent sogar fast die gesamte Bevölkerung online. Extrem befeuert wurde diese Entwicklung durch eine Innovation, die in diesem Jahr ihren 20. Geburtstag feiert: Im August 1996 brachte Nokia den „Communicator 9000“ auf den Markt, mit dem die Nutzer erstmals mobil auf das Internet zugreifen konnten und der deshalb als Urahn der heutigen Smartphones gilt.

Innerhalb eines Vierteljahrhunderts haben Internet und Smartphone beziehungsweise die mobilen Devices es aber nicht nur geschafft, unsere gesamte Kommunikation zu revolutionieren. Sie sind auch die Basis für die digitale Transformation, die nun mehr und mehr an Fahrt aufnimmt und laut Bitkom-Präsident Thorsten Dirks für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik „eine der tiefgreifendsten Veränderungen, die wir in den letzten Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten erlebt haben“, mit sich bringen wird. 

Eine Erscheinung dieser Transformation ist die zunehmende Vernetzung der realen Welt mit der virtuellen Welt – Stichwort Internet of Things (IoT). 2015 waren nach Angaben von BI Intelligence, dem Marktforschungsservice des US-Hightech-Portals „Business Insider“, weltweit schon 10 Milliarden Geräte und Produkte über das Internet vernetzt, 2020 sollen es bereits 34 Milliarden sein. Andere Quellen wie die US-Bank Morgan Stanley oder Cisco gehen dann sogar von 50 Milliarden vernetzten Produkten aus. Und all diese „intelligenten“ Dinge, die von Smartphones und Tablets über Fitnessbändern und Fahrzeugen bis hin zu Druckern, Rasierern und Straßenlaternen reichen, sind permanent dabei, Daten zu generieren, zu sammeln und zu einer vernetzten physischen Plattform zu übertragen.

Für alle Dienste gleichermaßen entscheidend ist aber, dass für den Nutzer ein zusätzlicher individueller Mehrwert entsteht.


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Die Folge ist Big Data, eine unermessliche Fülle an Daten, die erst einmal verarbeitet und analysiert werden müssen, dann aber eine Reihe an zusätzlichen Chancen bieten: Zu Smart Data veredelt bildet dieser Datenstrom die Grundlage für so genannte „Smart Services“. Dabei werden zum einen Dinge wie ein Auto, ein Kühlschrank, ein T-Shirt um intelligente digitale Dienste ergänzt. Zum anderen können aus den Daten auch völlig neue Dienste entwickelt werden, ohne dass überhaupt ein physisches Produkt vonnöten ist. Für alle Dienste gleichermaßen entscheidend ist aber, dass sich dabei der Fokus in Richtung Nutzer verschiebt und für den Nutzer ein zusätzlicher individueller Mehrwert entsteht.

Ob im Gesundheitswesen, im Energie- und im Finanzsektor, in Produktion und Handel, im Medienbereich, im Zusammenhang mit Mobilität oder im gesamten Ökosystem einer Stadt – theoretisch lassen sich die intelligenten Dienste für alle denkbaren Bereiche entwickeln. „Das Spannende an Smart Services ist: Das ist kein Produktionsthema, sondern im Grunde können Sie bei jedem Produkt fragen, welchen digitalen Service, welchen Mehrwert ich mittels der Daten, die ich generiere, dem Kunden anbieten kann“, sagt Johannes Winter, Leiter Themenschwerpunkt Technologien bei acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Konkrete Anwendungsmöglichkeiten gibt es bereits viele: Etwa die Waschmaschine, die selbstständig die Waschmittelmenge dosiert und ihren Besitzer rechtzeitig an die Nachbestellung erinnert. Die Straßenlaterne, die nicht nur leuchtet, sondern auch freie Parkplätze anzeigt oder als Ladestation für Elektrofahrzeuge dient. Die Mülltonne, die ihren Füllstand durchgibt und von der Müllabfuhr erst angefahren wird, wenn sie voll ist. Self-Tracking-Geräte, die den Blutzuckerspiegel messen und somit helfen, frühzeitig Diabetes zu erkennen.

So richtig „smart“ werden diese intelligenten Dienste allerdings erst durch zwei mögliche Komponenten: „Die Kür ist, durch permanente Big-Data-Auswertungen noch schneller vorzugehen als in Echtzeit, also predictive Analytics‘ zu betreiben“, erklärt Michael Carl, Geschäftsführer und Forschungsdirektor beim Zukunftsforschungsinstitut 2b AHEAD Think Tank. So könnte beispielsweise in einer Stadt die Auswertung von Mobilfunkdaten dabei helfen, bevorstehende Staus frühzeitig zu erkennen und entsprechend gegenzusteuern. Oder ein Händler wäre dann in der Lage, „beim Kunden Bedürfnisse zu adressieren, bevor dieser überhaupt angefangen hat zu suchen“, fährt Carl fort. 

Einen echten Mehrwert bringt ein Service oftmals auch erst dann, wenn Daten aus verschiedenen Quellen zusammengeführt werden. „Daten sind ja Gold, das ist ja wie eine Währung“, sagt Beat Schwegler, Director Cloud Evangelism bei Microsoft. „Viele haben das Gefühl, diese Daten erst einmal für sich sammeln zu müssen. Aber Sinn einer Währung ist ja eigentlich, dass man tauscht.“ So sind derzeit zahlreiche „digitale Ökosysteme“ am Entstehen, in denen Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen kooperieren und über die Branchen hinweg Services anbieten. „Ausschlaggebend dabei ist, offene Plattformen zu haben, wo sich ganz neue Player zusammenfinden, die früher vielleicht gar nichts miteinander zu tun hatten“, stellt Winter von acatech fest. So könnte etwa ein Landmaschinenhersteller gemeinsam mit einem Telekommunikations- und Softwareunternehmen sowie einem Saatgutproduzenten ein solches Ökosystem bilden, um den Landwirten zusätzliche Services anzubieten, wie etwa beim cleveren Mähdrescher, der den idealen Saat- und Erntezeitpunkt meldet. „Wir glauben, dass künftig nicht einzelne Unternehmen im Wettbewerb zueinander stehen werden, sondern einzelne digitale Ökosysteme“, so Winter weiter.

Bislang dominieren vor allem ausländische Unternehmen den Markt um die smarten Services. In der deutschen Wirtschaft ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit der intelligenten Dienste zwar durchaus schon vorhanden, allerdings scheuen hierzulande viele Unternehmen und Städte noch vor dem Einstieg in die Smart Service-Welt zurück – zu groß ist die Unsicherheit in Bezug auf die Relevanz und auch Rentabilität solcher Dienste. Bisweilen nimmt auch die Angst, durch die Plattform-Ökonomie spezifisches Unternehmenswissen preiszugeben und zu teilen, so manchem den Mut. Weitere Herausforderungen sind schließlich auch der Umgang mit Big Data und das in Deutschland hoch angesiedelte Thema Datenschutz. 

Doch das größte Hindernis ist wohl der als typisch deutsch angesehene Hang zum Perfektionismus. „Wir neigen oft noch zu sehr dazu, einen anständigen Projektplan zu erstellen, einen Lenkungsausschuss zu gründen und nach zwei Jahren einen ersten kleinen Schritt zu wagen, wenn wir sicher sind, auch alle Fragen beantwortet zu haben“, stellt Trendforscher Carl fest. „Dabei müssen wir verstehen, dass digitale Wirtschaft vielfach so funktioniert, dass man Dinge tut und beim Tun lernt.“

 

10

Milliarden Geräte und Produkte weltweit waren vergangenes Jahr bereits über das Internet vernetzt.


 

84%

aller Deutschen sind mindestens einmal pro Woche online.

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